REZENSIONEN
BÜCHER und CDs FÜR ERWACHSENE
Handbuch Welternährung - Wie der Hunger zu bekämpfen
wäre
Hrsg.: Deutsche Welthungerhilfe e.V. Mit e. Vorw. v. Klaus Töpfer
von Lioba Weingärtner; Claudia Trentmann
ISBN 978-3-593-39354-4
aus: Kontext: Ö1
Seit Jahrzehnten wird versucht, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Aber
trotz aller Anstrengungen will es nicht gelingen. Im Gegenteil: Seit 2007 steigt
die Anzahl jener Menschen, die nicht genug zu essen bekommen sogar wieder an.
Im Jahre 2009 hungerten erstmals mehr als eine Milliarde Menschen weltweit.
Der Grund dafür sind die gestiegenen Lebensmittelpreise, die nun auch jene
Staaten, die die Unterernährung halbwegs im Griff hatten, in Probleme stürzen.
Mehr Nahrungsmittel produziert denn je
Bis Mitte der 1990er Jahre hatte es Anlass zur Hoffnung gegeben: Die Zahl der
Hungernden war über Jahrzehnte gesunken - trotz eines relativ hohen Bevölkerungswachstums.
1996 hatten sich deshalb auf dem Welternährungsgipfel in Rom die Staatschefs
von 185 Nationen auf das ehrgeizige Ziel geeinigt, diese Zahl bis 2015 auf die
Hälfte zu reduzieren: auf 420 Millionen Menschen.
Auch wenn es bis 2015 noch vier Jahre sind und die Zahl der Hungernden vom Höchststand
aus dem Jahre 2009 wieder gesunken ist, so kann man doch mit großer Wahrscheinlichkeit
annehmen, dass das ehrgeizige Ziel verfehlt werden wird - obwohl heute mehr
Nahrungsmittel produziert werden als verzehrt.
Die globale Ernte bringt etwa ein Drittel mehr ein, als für die notwendige
Versorgung aller Menschen erforderlich wäre. Warum dann rund eine Milliarde
Menschen nicht genug zu essen bekommen? Weil Nahrungsmittel schon längst
nicht mehr ausschließlich der Ernährung dienen. Nur 47 Prozent der
Weltgetreideproduktion wird von Menschen verzehrt. Bei Ölsaaten - Soja,
Raps, Palmöl, Sonnenblumen - ist der Anteil noch geringer. Mehr als die
Hälfte des Getreides oder der Ölsaaten wird dafür verwendet,
Nutztiere zu mästen - oder, um daraus Energie zu gewinnen. "Nutzungskonkurrenz"
nennen das die Autorinnen.
Zahlreiche Gründe
Gründe für den andauernden Hunger gibt es genug. Preisdumping durch
fehlgeleitete Handelspolitik und falsche Nahrungsmittelhilfe sind zwei davon.
In den Ländern, die von Hunger betroffen sind, gibt es oft keine ausreichende
einheimische Nahrungsmittelproduktion, auch deshalb, weil die reichen Industriestaaten
ihre Überproduktion durch massive finanzielle Stützung in die armen
Länder exportieren und dort den Markt zerstören. Aber auch der unsachgemäße
Umgang mit der Ernte verschärft in den Entwicklungsländern die ohnehin
angespannte Lage.
Das gilt vor allem für die kleinbäuerlichen Betriebe in Afrika. Die
Verluste liegen je nach Nahrungskultur zwischen 15 und 50 Prozent. Zum Beispiel
verderben jedes Jahr 12,5 Prozent an Sorghum und Hirse sowie 22,5 Prozent der
Maisernte.
Was aber kann gegen den Hunger getan werden? Auch hier ist ein wesentlicher
Punkt eine bessere Bildung der Massen.
Studien belegen, dass mangelnde Bildung der Mütter und Unterernährung
von Kleinkindern einen deutlichen Zusammenhang aufweisen.
Weingärtner und Trentmann zeigen mehrere Möglichkeiten auf, wie der
Hunger, wenn schon nicht ausgerottet, dann doch zumindest zurückgedrängt
werden kann. Die Förderung des Potenzials der kleinbäuerlichen Landwirtschaft
gehört ebenso dazu, wie die Fokussierung auf die Strukturpolitik eines
Landes als Motor des Wandels. Aber einen wirklichen Fortschritt kann es nur
geben, wenn die verschiedensten Akteure zusammen arbeiten.
Menschen-Recht auf Nahrung
Für die nationalen Regierungen lautet das vordringlichste Ziel laut den
Autorinnen: das Menschenrecht auf Nahrung zu verwirklichen. Ein wichtiger Schritt
in diese Richtung ist die Verrechtlichung dieses Anspruchs. 22 Staaten haben
das Recht auf Nahrung in ihre Verfassung aufgenommen. Welche positiven Auswirkungen
das hat, lässt sich an einem Beispiel aus Indien illustrieren: Obwohl die
indischen Bundesstaaten verpflichtet sind, den Kindern in öffentlichen
Grundschulen eine warme Mahlzeit pro Tag zu garantieren, taten viele das nicht.
Das Verfassungsgericht wurde angerufen, was dazu führte, dass heute in
16 Distrikten Schulspeisungen durchgeführt werden - was vielen Kindern
ein Hungerschicksal erspart.
Im "Handbuch Welternährung" finden sich einige solcher Beispiele,
die zeigen, wie die Lage der Hungernden dieser Welt konkret verbessert werden
kann. Das Buch enthält viele Fakten, viele Statistiken und viele Schaubilder.
Es lädt nicht unbedingt dazu ein, es in einem Zug zu lesen, aber als Nachschlagewerk
ist es für alle, die sich mit dem Hunger der Welt beschäftigen, ein
absolutes Muss.
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Text: Gerhard Pretting · 20.07.2011 Ö1
Biografische Anmerkung zu den Verfassern
Dr. Lioba Weingärtner (links) ist Ökotrophologin und als Beraterin,
Gutachterin und Trainerin für verschiedene nationale und internationale
Organisationen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe
tätig. Dr. Claudia Trentmann ist Ökotrophologin und Sozialwissenschaftlerin.
Sie arbeitet seit 1990 als Beraterin und Gutachterin für verschiedene Organisationen
in der Entwicklungszusammenarbeit und begleitet vor allem Projekte im ländlichen
Raum in Lateinamerika und Afrika. Das »Handbuch« Welternährung«
wird herausgegeben von der Welthungerhilfe in Kooperation mit der Stiftung fiat
panis.
Freiheit statt Kapitalismus
Sarah Wagenknecht,
Eichborn 2011
Das Ende des Gehorsams
Anneliese Rohrers Aufruf zur Festigung der Demokratie, Braumüller Verlag
2011
Das Prinzip Nachhaltigkeit
Ekardt, Felix, München : Beck, 2010, Orig.-Ausg., 2. Aufl.
Zahltag. Finanz- und Wirtschaftskrise und ökonomische
Prinzipien
Ferry Stocker, Facultas Verlag 2009
Wann tritt Europa der Schweiz bei ?
Tintenfass: Das Magazin für den überforderten Intelektuellen Nr. 34,
2010
mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann, Friedrich Dürrenmatt u.a.
Kurzgescichten von Patricia Highsmith, Lukas Hartmann, Donna Leon u.a.m.
Das handliche Büchlein mit 392 Seiten ist vergnüglich unterhaltsam,
anregend und spannend und empfiehlt sich kritischen kumoristischen LeserInnen.
Buchstabentanz
Gezeichnete Alphabete von Wilhelm Busch, Honore Daumier, Paul Flora,
Edward Gorey, Tatjana Hauptmann, Maurice Densak, Roland Topor und Tomi Ungerer
Zusammengestellt von Daniel Kampa
Diogenes 2010
Manches Alphabet ist schwarz/weiß, manches bunt, manches nur gezeichnet,
manches mit Text ergänzt, der assoziative Worte oder eine ganze Geschichte
erzählt.
Trotz dieser Vielfalt wirkt irgendwie jede A-Z Aneinanderreihung auf mich aus
einer anderen Zeit und mit vielen Klischees und männlichen Blickwinkel
verbunden, auch wenn es hier und da vereinzelt Witziges oder Ansprechendes.
Claudia Schreiber: Heimische Frauenarten
96 Seiten, gebunden
Ill.: Kai Pannen
sanssouci 2010
Nachdem die Journalistin die heimischen Männerarten erforscht und katalogisiert
hat, hat sie sich nun an die Frauenarten herangewagt.
Witzig, frech, aber doch nicht den Klischees entkommend wie der Illustrator,
entzückt das kleine handliche Büchlein die LeserInnen,
die mit Humor ausgestattet sind. Denn Humor ist, wenn man/frau trotzdem lacht.
Yvonne Niewerth: Mein Buch für das Leben
240 Seiten, gebunden
Sanccouci 2010
Dieses Buch regt mit Fragen und Anregungen wie z. B:
"Warum ich heute aufgestanden bin", "Würdest du den heutigen
Tag gerne wieder erleben? Warum? Was würdest du nächstes Mal anders
machen?" ....
an, selbst zu schreiben. Immer wieder wird auch gewechselt auf: "Ja, ich
kann ... ich will .... ich unterstütze .......... ich werde" oder
"Meine traurigsten Momente im letzten Jahr waren .."
Eine gute Idee, ein anderes Tagebuch, eine Impuls zur eigenen Reflexion und
Kreativität.
Zu kritisieren gibt es dreierlei:
* den Titel - besser wäre gewesen: Mein Buch für besinnliche Momente
oder so ähnlich,
denn ein Buch für das Leben ist es sicher nicht!
* die Reihenfolge der Fragen bzw. die Auswahl.
Viele Fragestellungen sind bekannt aus Coaching- Management, Selbsterfahrungs-
und systemischen Bereichen
* manch sprachliche männliche Schreibweise: "Wie sollen dich deine
Freunde und Verwandten sehen?"
Kommt sicherlich bei Pubertierenden gut an und mancher/en Erwachsener/en in
Umbruchszeiten.
Maria Ernestam: Caipirinha mit dem Tod
Übersetzung von Gabriele Haefs
443 Seiten
btb 2009
Mit diesem Buch legt die begabte und ausgezeichnete Autorin einen philosophischen
Roman mit kriminalistischen und psychologischen Aspekten vor, der spannend,
amüsant und anregend ist.
Oder sollte es besser heißen, sie legt einen psychologisch kriminalsitischen
Roman vor mit philosophischen Aspekten?
Jedenfalls gelingt es ihr mit perfekt gesetzen Worten, poetischen Bildern und
klarer Erzähllinie,
die LeserInnen Seite um Seiten die vielen Facetten des Lebens und des Todes
- ohne gesellschaftspolitische Kritik auszusparen -
spannend näher zu bringen, zu spiegeln und trotz eindeutigem Ende etwas
offen zu lassen, nämlich die Weltsicht.
Weitere Bücher von ihr
Titania Hardie: Das Labyrinth der Rosen
aus dem Engl.: Anke Caroline Burger
520 Seiten
Diana Verlag 2008
Wer schon einmal das Chartres-Labyrinth gegangen ist, weiss, dass der Weg ein
sehr sehr langer ist, der manchmal als sehr mühsam erlebt werden kann.
Ebenso verhält es sich mit dem ersten Roman der Autorin.
Nicht nur der Einstieg ist mühsam, denn durch ihre vielen erklärenden
Erzählungen kommt die Spannung zu kurz. Auch gelingt es ihr nicht, die
Personencharaktere zielsicher umzusetzen. Sie hat allerdings gut recherchiert
und sich einen netten Plot ausgedacht, der die aktuellen fundamentalistischen
Bestrebungen kritisch thematisiert. Doch alles in allem enttäuscht das
Buch, weil die Autorin in Klischees verhangen bleibt, gleichwohl sie bemüht
versucht, der weiblichen Seite der Welt Gewichtung zu geben.
Wer sich mit Labyrinthen auskennt, literarischen Stil oder Krimis wie jene
von Fred Vargas schätzt, wird enttäuscht sein. Doch wer noch nie zuvor
von Labyrinthen gehört hat, könnte angeregt werden, sich mit dieser
Thematik vertiefender auseinandersetzen oder Chartres sehen zu wollen.
Das Buch, das ansprechend und aufwendig (bebildeter Anhang) gestaltet wurde,
bezieht sich ausschließlich auf das Chartres (1220 n.u.Z.) Labyrinth,
als hätte es davor kein anderes gegeben - auch wenn kurz Bezug auf Ariadne
genommen wird. Dem "Wandlungscharakter" nähert sie sich durch
Beschreibung von Visionen aber auch der Auflösung von Raum und Zeit.
"
Sie hatte ihn gestern davon überzeugt, dass das Labyrinth
die Macht der Alchemie besaß. Wenn man dafür aufnahmefähig war,
konnte es die Seele heilen, zu einer neuen Sicht auf die Welt und zu neuen Gefühlen
führen."
Das Thema "zelluläres Gedächtnis" arbeitet sie auf, indem sie der Heldin eine Herztransplantation erfahren lässt. Historische Persönlichkeiten wie Shakespeare, Giordano Bruno, John Dees u. a. spannen den Bogen über die Jahrhunderte.
Das Buch ist also ein bunter Schmöker geworden, den manche ungeduldig aus der Hand legen, andere mit Begeisterung lesen werden.
Connie Palmen: Luzifer
Aus dem Niederländischen: Hanni Ehlers
416 Seiten
Diogenes 2008
"Unser Engel ist gefallen." Dieser Satz in der Zeitung zum Tod Clara
Wevers von deren Lebensgefährten Lucas Loos formuliert, blieb in der Erinnerung
der Autorin haften. Auch vierundzwanzig Jahre nach Claras Tod schwingt immer
noch mit, das da etwas nicht gestimmt hat. Sie trifft auf ein paar Wegbegleiter
der beiden, die bereit sind, nach all den Jahren offen zu reden, ihre Sichtweise
mitzuteilen. Am Ende des Buches ist immer noch ungewiss, was an jenem Abend,
als Clara von der Mauer zu Tode stürzte, geschah, doch die Charaktere,
die Zeit, die KünstlerInnenszene in Amsterdam treten durch das erzählerische
Talent der Autorin differenzierte Konturen annehmend aus dem Schatten ins Licht.
Intelligent, pointiert, spannend und dynamisch dahin fließend, ist es
eine auch anregende Lektüre.
Kristin Marja Baldursdottir: Die Eismalerin
Aus dem Isländischen: Coletta Bürling
Krüger Verlag 2006
Wer "Kühl graut der Morgen", "Mövengelächter"
und "Hinter fremden Türen" gelesen hat, wird wieder staunen,
wie wieder ganz anderes dieses Buch geartet ist.
Die Autorin strukturiert ihr Buch in zwei Stränge: zum einen erzählt
sie ein Stück der Lebensgeschichte von Karitas (in der Vergangenheitsform),
zum anderen lässt sie Karitas ihre Bilder (in der Gegenwartsform), die
sie in der Zeit zwischen 1915 bis 1939 anfertigt, beschreiben und damit einen
Augenblick mit all seinen Verflechtungen und Stimmungen. Weiters ist das Buch
in drei Abschnitte unterteilt, die den Lebenswendungen von Karitas entsprechen.
Es ist die Geschichte eines Mädchens, deren Leben von Armut geprägt
ist, die durch Glück eine Kunstausbildung in Dänemark erhält
und deren Frauenleben zwischen Familie und Kunst beinahe zerrissen wird.
Stilistisch gelingt es Baldursdottir überzeugend und fesselnd die Charaktere
der Männer und Frauen sowie die Lebensumstände literarisch zu verarbeiten.
Die Klarheit der Sprache, mit vielen Dialoge verbunden, die Poesie der Natur,
die Sprachlosigkeit aber auch Soziale Kompetenz und Weisheit berühren,
ziehen in Bann.
Der Autorin ist ein Meisterwerk gelungen, das den Vergleich mit der "Islandglocke"
des Nobelpreisträgers Haldor Laxness nicht zu scheuen braucht.
Wolfgang Teuschl: Wiener Dialekt Lexikon
350 Seiten
Residenz Verlag
Mit seiner in den Wiener Dialekt übersetztem Neuen Testament Jesus &
seine Hawara (1971 erschienen), ist der 1999 verstorbene Autor bekannt und sein
Dialekt Lexikon zum Klassiker geworden. Dieses umfasst 5600 Stichwörter
mit über 3000 Redewendungen. Sowohl für WienerInnen als auch alle
am Wienerischen Interessierten ist dieses Buch ein ausgezeichnetes Nachschlagwerk,
eine amüsante Anregung und Inspirierung sowie ein sprachliches Gesamtvergnügen.
Die informativen Vorbemerkungen sind hilfreich, gleichwohl die geschlechtergerechte
Schreibweise nicht durchgehend beibehalten wird.
J. R. Moehringer: Tender Bar
Aus dem Amerikan.: Brigitte Jakobeit
S. Fischer 2007
Der Autor, 1964 in N.Y. geboren, realisiert nach 9/11 den seit Jahren geplanten
Roman über die Bar, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielte.
Das Buch beginnt mit dem Satz: Wir gingen hin, weil wir dort alles bekamen.
und endet mit der Frage eines Interviewten an den Autor: Wissen Sie noch, wo
früher das Publicans war? Dazwischen liegen 459 Seiten und 26 Lebensjahre.
Der autobiografische Roman bezieht seine Stärke aus der Reduzierung auf
das Wesentliche, die stilistische Sicherheit, kraftvoll und sanft zugleich sowie
die Reife das Rückblicks von einem, der sein Leben versteht, angenommen
und weiterentwickelt hat.
In seine Sozialisation Einblick gewährend berühren die vor dem inneren
Auge lebendig erscheinenden Bilder und Szenen dezent sowohl Leserinnen wie Leser.
Indirekt initiiert er auch eine Auseinandersetzung auf gesellschaftspolitischer
Ebene. Ein Buch der besonderen Güte!
Steinunn Sigurdardottir: Gletschertheater
Aus dem Isländischen von Coletta Bürling
Rowohlt TB 2004
Die Souffleuse berichtet die Geschichte der Geburt der Idee und die Umsetzung,
ein eigenes Theater für das Theaterstück Der Kirschgarten zu bauen.
Im Spannungsfeld von knappen und ausführlichen Beschreibung der Personen
und der Landschaft entstehen genaue Zeichnung der Charaktere. Beziehungsgeflechte
vielschichtigster Art werden von der schweigsamen und doch entscheidungsrelevanten
Erzählerin poetisch (Der Weg den letzten Hang hinauf: zu den Wurzeln des
Himmels), originell (Plusquamperfektpersonen ist die Bezeichnung für Verstorbene)
und so plastisch geschildert, dass sich die LeserInnen tief in das Geschehen
- die Findung des Regisseurs, die Rollenverteilung, die Proben und die ganz
persönlichen Lebensdramen der einzelnen - des isländischen Dorfes
miteinbezogen fühlen. Ein grandioses Buch.
Kiana Davenport: Feuergöttin
6 CDs, ca 430 Minuten
Sprecherin: Brita Sommer
steinbach sprechende bücher 2007
Berühmt wurde die Autorin 1994 mit "Haifischfrauen". Dieser Roman
erzählt die Geschichte einer Familie auf Hawai, deren Dynamik, Tragik und
Beziehungsgeflecht. Im Zentrum steht Ana, die ihren Vater nie kennen lernte
und ihre Mutter kaum kannte, da diese in die USA auswanderte und sie in der
Großfamilie zurück ließ. Sie schafft es, zu studieren und Ärztin
zu werden, doch ist bald mit ihrer Krebserkrankung konfrontiert, ihrer Liebe
zu einem Russen und der Politik.
Wer diese Art von dichter Fülle und Dramatik mag, wird dieses Buch schätzen.
Shirley MacLaine: Der Jakobsweg
Gelesen von Ulrike Hübschmann
4 CD, Capbox - 312 Minuten
steinbach - sprechende bücher 2007
Das Buch erschien im Goldmann Verlag
Die Originalstimme (MacLaine liest die Einleitung auf Englisch) zu hören,
erweitert die Dimension des Reiseberichts. Sie erzählt von der anonymen
Anregung, diese Pilgerreise zu machen, lässt Historisches einfließen,
schildert den Weg und ausführlich ihre Vision des früheren Leben auf
Atlantis und den Untergang sowie ihr darauf aufgebautes Weltbild. Dennoch spielen
die Bibel, die sie mit sich trägt, eine Rolle sowie traditionelle Werte
und Bilder (Eva entstammt Adams Rippe). Gegen Ende ist ihre 31 tägige Reise
von der Flucht vor Journalisten durch Autofahrten geprägt. Kaum am Ziel
angekommen, rast sie zum Flughafen.
Für all jene, die sich auf die Reise vorbereiten, sei mehr das Buch vom
Soziologen Roland Girtler: Irrweg Jakobsweg. Die Narben in den Seelen von Muslimen,
Juden und Ketzern empfohlen. Und wer sich mental darauf einstellen möchte,
dem sei ein Wald- und Wiesenspaziergang empfohlen. Für jene, auf dem Weg
zu sich selbst, scheint diese CD wenig hilfreich zu sein. Es ist allerdings
eine Geschichte geworden, die von eine sehr westliche Art der Suche nach Spiritualität
dokumentiert.
Bertina Henrichs: Die Schachspielerin
aus dem Franz.: Claudia Steinnitz
143 Seiten
Hoffmann und Campe 2006
Es wurde wieder Sommer. So beginnt die scheinbar zufällige Emanzipationsgeschichte
von Eleni. Sie lebt ein ruhiges und gelassenes Leben auf der griechischen Insel
Naxos. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet seit vielen Jahren
als Zimmermädchen in einem Hotel. Als sie dem Schachspiel im Zimmer eines
französischen Paars begegnet, wächst langsam und fast unmerklich auf
Umwegen und dann doch konsequent ihr Interesse und ihr Engagement für dieses
Spiel. Der Autorin gelingt es mit psychologischem Feingefühl und Poesie,
Genauigkeit und Wachsamkeit diesen Prozess zu beschreiben, der sich zwischen
Eleni und den einzelnen Spielfiguren und auch zwischen ihr und ihren Mitmenschen
entwickelt. Ein leichter und doch tiefgehender Genuss (wenn von manchen bundesdeutschen
Worten abgesehen wird), diesen ersten Roman von Henrichs zu lesen, der von Leben
und Tod und konstruktiven Konfliktlösungen erzählt.
Leonie Swann: Glennkill
Ein Schafskrimi
381 Seiten, ab 16 J
Goldmann 2005
Dieser spannend und gemächliche Krimi aus Schafsperspektive ist ein besonderes
leichtes und auch intelligentes Vergnügen und Leseerlebnis.
Aus einem Interview in: http://www.randomhouse.de/dynamicspecials/swann_glennkill/
Wenn bislang Tiere in Krimis vorkamen, dann eher Katzen, die als "samtpfötige
Ermittler" auf die Pirsch gehen. Weshalb haben Sie sich für Schafe
entschieden?
Ich glaube, ich wollte einfach den Spieß umdrehen. Schafe sind normalerweise
die Gejagten. Bei mir werden sie am Ende zu Jägern. Außerdem sind
Schafe interessante Ermittler, weil sie es nicht so leicht haben wie andere
Tiere, sie müssen sich ständig überwinden. Im Gegensatz zu Katzen
können sie sich beispielsweise nicht auf einem Hausdach oder in einer Baumkrone
verstecken und von dort aus Informationen zusammentragen.
Außerdem sind Schafe Herdentiere.
Ja, weil sie keine Multitalente sind, brauchen sie sich gegenseitig. Jedes Tier
hat eine spezielle Stärke, von der andere profitieren. Das gefällt
mir sehr.
Sie wissen unheimlich viel über Schafe, woher nehmen Sie die Fakten?
Zum ersten Mal ganz bewusst beobachtet habe ich Schafe in Irland, und dort spielt
ja auch mein Roman. So richtig viel wusste ich jedoch zunächst nicht über
sie. Darum habe ich mir vieles vorgestellt und versucht, mich in die Tiere hinein
zu versetzen. Das hat wunderbar geklappt. Schafe sind uns wirklich ähnlicher,
als wir denken. Nicht umsonst gibt es auch bei uns auch Begriffe wie das schwarze
Schaf' oder den Leithammel'.
Dennoch beschäftigen Sie sich auch auf wissenschaftlichem Niveau mit Tieren
in Romanen.
Ja, theoretisch schreibe ich an meiner Doktorarbeit über Tierbewusstsein
in der englischen Literatur. Aber praktisch komme ich nicht mehr wirklich zum
Forschen. Lesereisen sind zeitintensiver als ich dachte.
Elisabeth von Samsonow: Anti-Elektra
Totemismus und Schizogamie
256 Seiten
diaphanes 2007
Mit dieser Arbeit setzt sich die Autorin (seit 1999 für Philosophische
und Historische Anthropologie an der Akademie der bildenden Künste Wien
tätig) mit dem Ödipus Komplex und dessen möglichen Gegenpol auseinander,
der Anti-Elektra.
Sie steigt ohne Umschweife ins Thema und baut ein differenziertes fein ziseliertes
Denk-System auf. Sie fordert konsequent das Einlassen, andernfalls verlieren
die LeserInnen die Zusammenhänge.
Sie kommt gegen Ende auch auf das Labyrinth zu sprechen, das sie bedauerlicher
Weise mit dem Irrgarten gleichsetzt und sich so zu Ungenauigkeiten verleiten
lässt.
Sie würdigt die Zugehörigkeit des Labyrinths zum "präödopalen
Horizont" und meint, beim Labyrinth muss es sich um einen Bau handeln.
Das Labyrinth ist für sie ein Ort der Bewegung, die nicht an ihr Ende kommt,
weil sie mit dem "container" identisch wird. Es repräsentiert
nicht mehr die gebärende sondern die verschlingenden Mutter. Ihrer Meinung
nach bilden "Minotaurus und Ariadne zusammen das totemistische Binom, welches
die weibliche Identifikation ermöglicht. ...... Neben der technischen Überschreibung
kultureller Strukturen interessiert uns am Labyrinth die Verschränkung
von Kulturen als Gedächtnisproblem, d.h. der Ablösungsprozess eines
älteren durch ein jüngeres Regime, welchem innerhalb der personalen
Gedächtnisarchitektur der Übergang vom Präödipalen zum Ödipalen
bei Freud entspricht.. Unter die athenischen Agoren abzusteigen heißt,
ins Labyrinth hinunter zu gehen, in die Unterwelt als Vor-Welt körperlich-räumlicher
Befindlichkeit, die zugedeckt bleibt."
Interessant ihre Zusammenhangsetzung zwischen dem Blinde Kuh-Spiel und Minotaurus.
Ole Könnecke: Du schaffst das!
32 Seiten, ab 6- 99
Sanccouci 2007
Das ist Burt. Burt wird es heute tun. So beginnt dieses Buch und zeigt den Vogel
auf das Ende eines Astes zugehend.
Die Stärke von Ole Könnecke, Autor und Illustrator, liegt in seiner
Kunst, auf das Wesentliche reduzieren, Spannung aufbauen und ein Lächeln
bei den LeserInnen hervorzurufen zu können. Die Kombination seiner klaren
unverschnörkelten Figuren, die optimale Positionierung eines jeden Wortes
und die Menschlichkeit seiner Figuren machen seine Arbeiten zu Meisterwerken.
In diesem Fall geht um die Überwindung der Ängstlichkeit - eine ermutigende
Geschichte, mit der sich leicht jede/r identifizieren kann.
Alois Schöpf: Vom Sinn des Mittelmaßes
Essay, 186 Seiten
Limbus 2006
Der Autor, bisher Verfasser von Kolumnen und Artikeln in Zeitungen, macht sich
Gedanken über das Mittelmaß und dessen Sinn. Was sich in der kurzlebigen
Zeitung bewähren mag, hat noch lange nicht die Qualität eines guten
Essays.
"Essays sind Denkversuche, Deutungen - unbefangen, natürlich, zufällig.
Damit ein Essay aber überzeugt, soll es im Gedanken scharf, in der Form
klar und im Stil geschmeidig sein." Wikipedia ....
Schöpf erzählt u. a. von seiner ersten Sitzung als Kulturbeirat und
endet, dass er eigentlich ein gewöhnliches bürgerliches Leben führen
wollte und in diesem Gremium ein Mitläufer war, weil er Geld brauchte.
Wenn Schöpf weiters formuliert: "So groß können die Preise
für Dichter, Wissenschaftler und Künstler (männliche Sprachformen!)
nicht sein, dass deswegen die alpinen Aborigines ihren Hintern vom guten eingesessenen
Fernsehstuhl erheben würden ......." So liefert er mehr Beispiele
über sein eigenes uninteressantes Mittelmaß als differenzierte Reflexionen
darüber.
Sylvia Serbin; Königinnen Afrikas
Aus dem Französischen: Gudrun Honke
408 Seiten, ab 16
Peter Hammer Verlag 2006
Die Autorin (lebt als Stadträtin in Frankreich) tritt im Vorwort gegen
das Vorurteil an, in Afrika sei alles so ereignislos gewesen. Sie wirft einen
Blick auf Völker, die als geschichtslos galten und weist auf die rund zwanzig
Königtümer, Stadtstaaten oder Großreiche hin, die es im präkolonialen
Afrika gab. Auch verschweigt sie nicht, dass Afrikaner an der Deportation von
20 bis 100 Millionen SklavInnen beteiligt waren. Die Zerstörung gewachsener
sozialer Strukturen durch 3 Jahrhunderte hindurch wirken sich noch heute aus.
Die Spurensuche gestaltete sich schwierig. Ihr Wissen bezieht sie aus oralen
Traditionen, die sie abglich mit Aufzeichnungen von Patres, Offiziere, mittelalterliche
Chroniken und arabischer Geografen und anderen Gelehrten, die durch die Islamisierung
ins Land kamen.
Sie berichtet von 22 Frauen und gliedert ihr Buch in die Kapitel: Königinnen
- Frauen mit Macht und Einfluss - Frauen des Widerstands - Prophetinnen - Kriegerinnen
- Höfische Romanzen - Opfer - Mütter großer Männer und
fügt eine Bibliographie an.
Die Schwäche des Buches ist, dass die Autorin Helden in traditionell westlicher
Weise versteht, ohne zeitgemäße systemische, analytische oder kritisch
historische Ansätze in ihre Interpretation/Erzählungen einzubeziehen.
Heute wird z.B. Napoleon nicht mehr als Held gesehen sondern er wird definiert
über seine militärischen / wirtschaftlichen / kulturellen / inhumanen
u. a. Taten. Serbin erzählt von der Mutter Shakas, ein extrem brutaler
Herrscher, und meint: "Ein trauriges Los für die Mutter eines Helden.",
da sie von den Feinden ihres Sohnes ermordet wurde. Über derartige Sätze
stolpern die LeserInnen vielfach.
Der Wunsch der Autorin ist, zu einer humaneren Gesellschaft beizutragen und
bleibt doch schuldig, Ursachen und Wirkung von Inhumanem aufzuzeigen und gelungene
Wege zu einer humaneren Gesellschaft aufzuzeigen.
Ein ambivalentes Buch - das im besten Fall als Basis zu konstruktiven Nachfragen
und Forschen sowie zu differenzierten Diskussionen, Verständnis und den
prinzipiellen Schwierigkeiten von Geschichtsschreibung führen kann.
Rudolf Treumann: Feuer
Mit einer Erzählung von Martin Mosebach und Gedichten von Adam Zagajewski
72 Seiten mit zahlreichen Farbfotos
Sanssouci 2007
Das handliche Buch beginnt mit Prometheus und Goethe und erzählt knapp
und etwas trocken die Geschichte des Feuers. . "Die Beherrschung des Feuers
erlaubt es dem Menschen, sich aus der vorgeschichtlichen Zeit und der ihr folgenden
mystischen Zeit zu lösen und eine kulturelle Stufe zu erklimmen, auf der
er in die Naturgesetze eindringen und die Natur des Feuers verstehen gelernt
hat."
Die Erzählung der drei Jünglinge im Feuerofen als Gottesbeweis folgt,
der sich die Aufzählung einer Auswahl deutschsprachiger Redewendungen,
die sich auf das Feuer beziehen, anschließt. Die physikalisch/chemischen
Aspekte des Brennprozessen mit Gedichten schließen das Spektrum Feuer
ab.
Eine begrenzte abendländische Abhandlung und Sichtweise kommt hier zum
Ausdruck. Sowohl durch die männliche Sprache ( der Mensch - er, der Vorfahre
-er,.... "als Motor der Menschheitsgeschichte offenbart sich das Feuer
etc. ) als auch inhaltlich kommen Frauen nicht vor.
Nomi Baumgartl: Mumo - Die Geschichte vom Elefanten,
der beschloss, seine letzten Tage am Meer zu verbringen
Leser: Thomas Fritsch
Musik: Tom Ehrlich
2 CD, 1 DVD (Der Elefantenmann von Daniel Opitz)
12-seitiges Booklet mit s/w Fotografien
Ca. 140 Minuten
Steinbach 2006
Das Anliegen der Fotografin, die hier auch Autorin ist, ist die Verbindung von
Menschen und Natur aufzuzeigen und diese zu vertiefen. Mit poetischer Sprache,
losgelöst von jeglicher westlicher Alltagshektik, ermöglicht sie den
HörerInnen, den Elefanten Mumo auf seinem Lebensweg zu begleiten. Dank
Thomas Fritsch ist es möglich, in diese ferne Welt einzusinken, die nicht
wirklich fern ist. Bezüge, Verbindungen sind schnell hergestellt, denn
die existentiellen Aspekte von Leben, überraschenden Lebenswendungen und
Tod betreffen und berühren. Die Trommelmusik und die O-Töne stimmen
wunderbar in Mumos Welt ein, die ja auch unsere ist.
Michael Lüders: Tee im Garten Timurs - Die Krisengebiete
nach dem Irak-Krieg
178 Seiten
Arche 2003
Um Verstehen und Verständnis in die kulturellen und geschichtlichen Zusammenhänge
in Zentralasien sowie den Mittleren und Nahen Osten zu entwickeln, ist dieses
Büchlein sehr hilfreich. Lüders gelingt es sehr gut, in kompakter
Weise die wesentlichen Aspekte sachlich und ausgewogen zu vermitteln. Der eigene
Blick für politische Statements von PolitikerInnen und für Medienberichte
gewinnt dadurch an Schärfe. Die LeserInnen bekommen eine vertiefte Ahnung,
was sich in dieser Region vielschichtig (oft vor uns) verbirgt.
Michael Lüders: Der Verrat
204 Seiten
Arche 2005
"Leise und selbstironisch erzählt Michael Lüders von Liebe
und Verrat, und unbemerkt raubt er einem den Atem. Ein Politthriller erster
Klasse."
Rafik Schami
Der Deutsche Ralf Horenburg, vom Außwärtigen Amt, reist nach Pakistan,
um den verschwundenen Agenten Wiedemann zu finden. Wer wen verrät, sei
hier nicht verraten. Horenburg wird nach Afghanistan entführt, trifft auf
den Al-Kaida-Chef, wird von der CIA verfolgt, reist weiter mit Sufis und lebt
nach bestandenen abenteuerlichen Erfahrungen und wesentlichen Entscheidungen
mit neuer Identität als glücklicher Ehemann.
Mit dieser Story gelingt es dem Autor, die politische und alltägliche Atmosphäre
vor Ort packend widerzugeben. Manches Verständnis für die eine und
die andere Seite von Wirklichkeiten kann dabei entwickelt werden.
Florence Hervé: Frauen und das Meer
Fotos: Katharina Mayer
176 Seiten
Gerstenberg 2006 (1. Ausgabe der Sonderausgabe, Erstauflage 2004
19 Kurzportraits von Frauen, die den drei Kapiteln Arbeiterinnen des Meeres,
Künstlerinnen des Meeres und Rebellinnen des Meeres zugeordnet sind, geben
einen Eindruck von der Vielfalt der Möglichkeiten, mit dem Meer in Beziehung
zu sein. So wird ein Einblick gewährt in die Bereiche Meeresbiologie, Kapitänin
sein, Reederin, Krabbenpullerin, Leuchtturmwärterin, Physiotherapeutin
oder Projektleiterin des WWF aber es werden auch die Atlantikruderin, die Widerstandskämpferin,
die Skipperin und Surferin vorgestellt.
Die leicht zu lesenden Portraits, ausgewogen und abgestimmt mit den poetischen
Fotos ergänzt, sind eine Lektüre, die sich für alle Jahreszeiten
eignet und zurückwerfen auf die eigene Beziehung zum Meer und Sehnsucht
wecken, wieder eigene Erfahrungen zu sammeln.
Kate Moss: Das verlorene Labyrinth
752 Seiten
Droemer 2005
Die englische Autorin - Kunstkritikerin und Redakteurin - greift den Begriff
Labyrinth auf und webt einen Roman rund um dieses geheimnisvolle Symbol, über
dessen historischen Hintergrund sie kurz informiert.
Die Zeitenfäden des 13. und 21. Jahrhunderts sind in Form der (durch Seelenwanderung
identen?) Hauptpersonen miteinander verflochten. Das geheime Wissen von der
Unsterblichkeit auf drei Pergamentblättern, die über die Jahrtausende
gehütet werden müssen, und das Labyrinth als Erkennungszeichen werden
miteinander verbunden. Die Katharer und deren historisches Umfeld bilden den
Hintergrund.
Das in 28 Sprachen übersetzte Buch, das an Coellos sowie Dan Browns erfolgreiche
Konzepte erinnert, ist Geschmackssache. Für mich, als anspruchsvolle Labyrinth-Fachfrau,
enttäuscht es sowohl durch verzichtbare, ermüdende Bilder und banale
Sprache (Sie spürt, wie sich die kühle Luft um ihre nackten Beine
und Arme schmiegt wie eine Katze..... Einen Augenblick lang dachte Aläis,
ihr Herz hätte aufgehört zu schlagen. Dann wurde sie gleichermaßen
von Entsetzen und Furcht übermannt....) als auch die Auflösung des
Rätsels: Zeugnis um jeden Preis abzulegen: Die Erkenntnis, dass der wahre
Gral in der kleinfamilienidyllischen Liebe liegt, die von Generation zu Generation
weitergegeben wird.
Ian McEwan: Saturday
6 CDs - 401 Minuten
Diogenes Verlag & rbb 2005
Gelesen von Jan Josef Liefers
Aus dem Engl: B. Robben
Wer die Muse aufbringt, sich in die Welt des 48-jährigen Neurochirurgen
Perowne zu versetzen, der kann dies Dank der wunderbaren Stimme Liefers mit
Vergnügen tun und den wirklich exzellenten Stil des Autors genießen,
der präzise und detailgenau beschreibt, wie sich dieses Leben lebt.
Lorenzo Da Ponte: Mein abenteuerliches Leben
320 Seiten, Diogenes 1991
Wer im Mozartjahr Näheres von Mozarts Librettoschreiber erfahren möchte,
lese dessen Biografie, die Einblicke gibt in seine Überlebenskunst in der
damaligen höfischen Kulturszene mit all ihren Intrigen, Höhen und
Tiefen. Wer allerdings inhaltlich Interessen hat, dem/der ist mit diesem Band
nicht gedient, der jedoch locker und flüssig zu lesen ist, durch die gelungene
Übersetzung von Eduard Burckhardt.
Dorothea Leonhart: Mozart - eine Biographie
386 Seiten, Diogenes 1991 - überarbeitet 2005
Auf Zitaten basierend liest sich Mozarts Leben chronologisch linear. Die Autorin
erläutert immer wieder Wort - Bedeutungs - Veränderungen, setzt Werte
in die heutige Relation und ist bemüht, Mozarts Leben mit Schwerpunkt Geld
und Liebe detailliert nachvollziehbar zu machen. Allerdings kann sie sich nicht
eigener Vermutungen und Interpretationen enthalten, die auch ihre Wertungen
vermitteln. Das nicht einfache Unterfangen erfordert von den LeserInnen doch
auch einen langen Atem.
Rabindranath Tagore: Das goldene Boot
669 Seiten, ab
Erhältlich auch als CD mit Musik aus Bengalen
Patmos 2005
Gedichte und Erzählungen des 1913 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten bengalische
Autors.
Ira Diana Mazzoni: 50 Klassiker: Gärten &
Parks
280 Seiten, reich bebildert
Gerstenberg 2005
Man muss sich in die Grünräume hineinbegeben, muss sich durch sie
hindurch bewegen, um ihr Wesen zu begreifen. ist Mazzonis sinnlicher und lebendiger
Arbeitsansatz. Aus der Vielfalt historischer Anlagen zu wählen, ist ein
schwieriges Unterfangen, das ihr doch recht gut gelungen ist.
Die Struktur des Buches bewährt sich und es liest sich interessant und
leicht. Wünschenswert wäre in diesem männerdominierten Bereich,
die Arbeiten der erwähnten Frauen (u.a. Helen Mayer, Martha Schwartz) bebildert
zu sehen.
Weiters ist unter Begriffsverwirrung ein interessanter Detailhinweis zu den
hängenden Gärten angebracht, beim Thema Labyrinth - das im deutschen
Sprachraum ja immer noch mit Irrgarten gleichgesetzt wird - fehlt diese auch
in der Gartenkunst wesentliche Unterscheidung leider. Fragwürdig ist weiters
die unkritische Berufung (männliche Geschichtsschreibung) auf Diodor, der
behauptet, die Gärten der Semiramis seien nicht von ihr sondern das Werk
eines späteren Königs.
Erfreulich wäre es gewesen, hätte sich der Verlag durchringen können,
nicht ausschließlich die männlichen Bezeichnungen sondern auch die
weiblichen (Besucherinnen) zu verwenden.
Gerhard Roth: Das Labyrinth
S. Fischer 2005
253 Seiten
Gerhard Roths literarischer Roman thematisiert Wahn und Wirklichkeit anhand
der Brandlegung der Wiener Hofburg. Der Handlung nimmt unerwartete Wendungen,
aber ob das ausreicht für labyrinthische Qualität? Eher hat die Geschichte
einen sehr männlichen Irrgartencharakter. Wer das liebt, wird von diesem
Buch begeistert sein - andere werden es gerade deswegen wieder aus der Hand
legen.
Eric Walz: Die Schleier der Salome
Blanvalet Verlag 2005
704 Seiten
Salome dient über Jahrhunderte hinweg als Projektionsfläche. Walz,
der viele historische Details eingearbeitet hat, vermittelt dennoch keine überzeugende
Atmosphäre. Zudem erfährt Salome die Interpretation einer zwar aktive
Frau, deren Leben aber aus Liebe zu einem Mann scheitert. Es gibt spannendere
Phantasien.
Monika von Ramin: Meinletzter Tampon - Wenn böse
Mädchen in die Jahre kommen
208 Seiten
Eichborn 2005
Im Stil, den wir von US-Ratgebern kennen, schrieb Monika von Ramin ihr erstes
Buch: flapsig, oberflächlich, anhand konkreter Fallgeschichten, die in
ihrer Interpretation jedoch fragwürdig bleiben. Der Untertitel verspricht
ja viel, aber tatsächlich hat die Autorin keinen feministischen Hintergrund
und ist in vielen Ansichten nicht unbedingt frauenfreundlich sondern bleibt
in Klischees stecken. Das Kapitel: Wie man todsicher jeden Mann verjagt, zeigt
dies offen.
Der Verlag hat zwar erkannt, dass es zum Thema Wechseljahre einen Bücherbedarf
gibt, allerdings damit keine wirkliche Innovation geschaffen.
Die Sprache des Widerstandes ist alt wie die Welt
und ihr Wunsch
Frauen in Österreich schreiben gegen Rechts
80 Beiträge (Elfriede Hammerl, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker,
Eva Rossmann, Sylvia Treudl u.v.a.m.)
auf 364 Seiten
Milena Verlag, Wien 2000
Den Aufruf, einen Text des Widerstandes zu schreiben - ich las ihn nebenbei,
hielt doch inne, stellte die Frage an mich, hörte das Echo in mir hallen,
verhallen dann. Nicht ungehört und ungelesen die Beiträge zur politischen
Situation in der Diskussion, an der ich mich engagiert beteiligte. Mit gesprochenem
Wort. Schreiben, heute nicht, morgen vielleicht.
Das Morgen, das Heute ist, heute. Das Buch ist erschienen. Es enthält die
meisten, nicht alle der aufgerufenen und auch eingeschickten Texte. Eine erste
Rezension übersehe ich, muß aufgrund eines Hinweises wiederblättern,
suchen und finde. Erschienen. Realisiert. Es lebt. Wir leben! Lese den Titel
Die Sprache des Widerstandes ist alt wie die Welt und ihr Wunsch , lese noch
einmal und vergegenwärtige ich mir den Titel des Buches, lese Wort für
Wort, überfliege nicht, gebe Wort für Wort seine Bedeutung und meine
Assoziationen.
Die Sprache
des Widerstandes
ist alt wie die Welt und
ihr Wunsch
alt wie die Welt ..... wie alt ist die Welt? ..... Adam und Eva die ersten
Menschen - zumindest für unsere westliche Kultur. Also seit Adam und Eva
ist die Sprache ein Mittel des Widerstands. Seit genau dem Moment, als Eva das
Angebot der Schlange mit einem lauten und klaren JA annahm. Denn nicht ist überliefert,
daß Adam Eva je widersprochen hätte. Gab es Ursache, daß Eva
Adam widersprechen mußte? Im Paradies zu jener zeitlosen Zeit war alles
voll von Harmonie und Übereinstimmung. Noch gab es kein Duett, kein Solo,
da Einstimmigkeit. Ein wahrlicher Engelsklang in manch heutigen Ohren! Betrachten
Sie es von der musikalischen Seite. Zwölftonmusik für ein ganzes Orchester,
das kam erst später, dann als uns Menschen die Hölle offenstand. Auch
ein Angebot, das nicht unterschätzt werden sollte, meinen Sie nicht?
Ein JA das ein NEIN herausforderte. NEIN, du sollst nicht länger hier im
Paradies weilen. NEIN, Du hast die Hölle auf Erden verdient! Auch der patriachale
Gott wußte bereits damals, daß Evas Leistung zu Widersprechen von
epochaler Bedeutung war, eine Leistung, die belohnt werden sollte, geehrt und
gewürdigt. Das zuvor Undenkbare wurde bewußt: Wir sind zwei Mann
und Weib und Weib und Mann, reichen an die Gottheit an.......Mozart fügt
diesen Worten seine göttliche Musik hinzu, vermählt die Dualität,
läßt sie wieder zu einer Einheit werden.
Sie tun sich schwer im Folgen? So soll es sein. Denken sie eigenständig,
seien Sie kein/e MitläuferIn, NichtdenkerIn. Das ist bitter nötig
in solch politischen Zeiten wie diesen, die eigentlich immer sind. Schon ewig.
Seit Adam und Eva eben, seit ihr JA das göttliche NEIN hervorrief. Evas
Macht war groß! Betrachten Sie alles einmal von diesem Standpunkt! Der
patriarchale Gott war gereizt, ungeduldig, gekränkt in seinem göttlichen
Stolz, daß Ihm wer widerspricht. Widerspricht! Richtig. Widerspruch. Da
lernte er zum ersten Mal die Sprache des Widerstandes kennen. Brüllt sie
Eva ihm ins Ohr? Ein Glück - es gab keine Zeugen außer ihnen beiden.
Vor cora publica verhöhnt zu werden ist seine Sache nicht. Und doch konnte
er nicht verhindern, daß sich diese Sache herumsprach. Allerdings in etwas
geändertem Inhalt, wenn Männer es weitererzählten. Sie wissen,
wie Männer sind.
Adam, ein bißchen weniger intelligent als Eva, sie war diejenige, die
mit Gott diskutierte, und der nun ausbaden mußte, was sie ihm eingebrockt
hatte (wie hätte er ihr widersprechen können und ihr Apfel-Angebot
nicht annehmen können, sie waren doch im Paradies! Einen Streit vom Zaun
brechen, war ein Unding! Um ehrlich zu sein, er hatte in Wirklichkeit eigentlich
gar keine andere Wahl. Er, der sich nach dem paradiesischen Gesetz hielt, wurde
bestraft, aus dem Paradies verstoßen.) Die Erde mußte er pflügen
im Schweiße seines Angesichts.
Klar, daß Adam da wütend wurde, wo er doch auch nicht verstand, was
da vor sich gegangen war. Adam schob die Schuld auf Eva, weil Gott mit gutem
Beispiel vorran ging und in alter paradiesischer Gewohnheit, folgt er Gott und
schob alle Schuld auf Eva. Gott hatte kein Einsehen, daß Er einen Fehler
gemacht hatte.
Der uneinsichtige Vater, sein Herz wird versteinert, es kommt so weit, daß
er Abraham auffordert, dessen Sohn am Altar darzubringen. Ihm. Der Sohn widersprach
dem Vater nicht und der Sohn des Vaters nicht seinem Vater und so weiter und
sofort und damit wurden die militärischen Strukturen des Gehorsams entwickelt.
Unhinterfragter Gehorsam, weil vor Zeiten nicht alles nach Gottes Willen gegangen
war. Kinderrevolte. Aufstand gegen den Vater.
Kein Aufstand gegen die Mutter. Die Mütter? Wo standen jemals in der Geschichte
Töchter gegen Mütter, opferten Mütter gehorsam ihre Töchter?
Mütter opferten ihre Töchter, aber unter Wehklagen, nie freiwillig!
Freiwillig. Wo war der freie Wille im Paradies? Immer schon da. Nur nicht entwickelt.
Da lag es, das Knäuel. Aufgerollt, unbeachtet, Jahrhunderteleben - bis
Eva endlich, endlich durch die Schlange darauf aufmerksam wurde. Es bedurfte
der Schicksalsgöttinnen, die Fäden des Knäuels abzuwickeln. Ariadne
kannte den Weg, wußte den Faden zu gebrauchen. Theseus, ohne aller Kenntnis
darüber (ähnlich also wie Adam vor ihm), folgte Ariadnes Anweisungen.
Entwickeln um zu wissen, zu erkennen.
Erkenntis hatte Eva im Paradies noch keine, ehe sie das Schlangenangebot annahm,
doch eine große Portion Intuition, der sie folgte. Warum sollte sie nicht
gottgleich werden wollen? Warum Bescheidenheit, sich fügen wo keine Notwendigkeit
besteht? Not-Wendigkeit? Gab es eine Not zu wenden? Sie waren doch im Paradies.
Also gab es keine Notwendigkeit, sich an Gebote zu halten. Daß sie durch
ihre Wendigkeit eine gewissen Not herbeiweltete - alles hat seinen Preis. Wir
leben in einer Welt des sogenannten Freien Marktes, Angebot und Nachfrage. Einmal
bitte eine Welt mit Gott! Für mich bitte eine ohne! Wählen Sie, suchen
Sie aus, aus unserem Sortimente. Gott der beste Handelsvertreter der Galaxie?!
Adam und Eva, am Beginn der Welt. Immer noch die ersten dieser Welt, in dieser
Reihenfolge. Zuerst der Mann und dann die Frau. Historisch, geschichtlich, machtpositionierend
gleichwohl nicht mehr hinter vorgehaltener Hand gesagt werden muß, nein,
die Wissenschaftler schreien es über die Medien in die Welt (mit Hilfe
von Redakteurinnen? Mehr aus Freude vor der Neuentdeckung als dem neuen, alles
veränderden Inhalt): "Wir Menschen haben eine Urmutter! Der erste
Mensch war weiblich. Europa stammt von sieben (die Alten haben es ja schon immer
gewußt, daß Magie dabei im Spiel ist) Frauen ab. Nachweislich, anhand
der DNA-Analysen. Kein Aprilscherz, gleichwohl eine Aprilmeldung im Jahr 2000,
die Schlagzeile:
Sieben Urmütter für alle Europäer. ( Anm: Die übliche Ausrede:
Es war kein Platz mehr für das Innen .) Der Artikel: Alle Europäer
stammen von sieben Frauen ab, die vor rund 45.000 Jahren sieben unterschiedliche
Clans begründeten. Dies erklärte Bryan Sykes, Professor für Humangenetik
der Universität Oxford.Er nannte seine Studie Die sieben Töchter der
Eva und gab den Urmüttern der Europäer (Anm.: das fehlende Innen ist
nur noch zur Kenntis zu nehmen) auch Namen, damit man (Anm.: wohl eher: Mann)
sich richtige Menschen (Anm.: soso!) vorstellen könne: Ursula, Xenia, Tara,
Helene, Katrine, Valda und Jasmine. Zu deren Vorfahren erklärte Sykes,
es scheine so, als seien die sieben europäischen Clans aus einem der drei
genetischen Clans hervorgegangen, die im heutigen Afrika lebten. Demnach und
der Logik des Studientitels folgend, müßte Eva zwei Schwestern gehabt
haben. Die aber hat Sykes noch nicht benannt.
So alt wie die Welt - die Sprache des Widerstandes. Nein. Hier haben wir den
Beweis vor uns liegen! Es gibt keine Legende, keine Religion, die uns berichten
würde, die drei Frauen hätten sich gestritten. Sie lebten friedlich
und paradisisch, solange, bis Adam mit seinem patriarchalen Gott kam und sie
ihm leider, sie bedauerten es wirklich, widersprechen mußten. Und das
historische NEIN, das Leben und Tod bedeutete, das erste NEIN sagte kein Mann
zu einer Frau, keine Frau zu einer Frau, es sagte Eva zu Gott.
Und ihr Wunsch? Ihr Wunsch.
Die Sprache
des Widerstandes
ist alt wie die Welt und
ihr Wunsch
So ist es. Amen. Und Dank an Petra Ganglbauer für diese ihre Gedichtzeile,
die Buchtitel wurde gegen die schwarz-blaue Regierung in Österreich. Frauen
schreiben gegen Rechts. Und ehe sie noch die Schrift erfanden, redeten sie gegen
rechts.
Ilse M. Seifried
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