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Die Wiederkehr
des Magischen
Intuition - Spiritualität - Weisheit
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19. Arbeitstagung 20. bis 24. März 2004
Ilse M. Seifried
Die
Kunst zu wandeln oder
bewusst Sein entwickeln im Labyrinth
Der Frühling beginnt heute. Wir stehen dort, wo wir vor einem Jahr gestanden
sind: am Ausgangspunkt des Jahreszyklus. Und der Ausgangspunkt ist der Endpunkt
des alten Jahres und zugleich unser Eingang zu einem neuen Jahr - einem neuen
Jahreskreislauf. Aber zwischen diesen beiden selben und doch verschiedenen Punkten,
liegt viel Gelebtes.
Warum ich so etwas Selbstverständliches sage?
Vielleicht liegt im Selbst-verständlichen
ein Weisheitsschatz ver/ bzw. geborgen , der immer wieder ent-deckt werden will.
Also dort anzukommen, von wo ich ausgegangen bin, ist eine Lebenserfahrung.
Und: sie ist eine labyrinthische Erfahrung.
Der Titel meines Vortrags lautet: Die Kunst zu wandeln oder bewusst Sein entwickeln im Labyrinth
Folie: Kugellabyrinth
Das Labyrinth - und ich füge sofort hinzu, dass ein Labyrinth kein Irrgarten
ist, obwohl in der Umgangssprache beide gleichgesetzt werden- , das Labyrinth,
über das ich heute sprechen werde, ist eine Struktur, die in der Natur
nicht zu sehen ist wie z.B. eine Spirale oder ein Mäander. Das Labyrinth
ist ein von Menschen geschaffenes Kulturgut, das nicht allen Kulturen zu eigen
ist.
Das Blatt, das sich auf Ihrem Sitz
befunden hat, ehe Sie sich setzten, ich lade Sie ein: nehmen Sie es zur Hand
und betrachten Sie es. Wie wirkte bzw. wirkt jetzt diese Struktur auf Sie? Woran
werden Sie erinnert?
Wenn die Struktur Sie einlädt, lassen Sie sich einladen. Suchen Sie den
Eingang in die Struktur, folgen Sie mit einem Finger oder einem Stift dem Weg.
Gehen Sie den Weg hinein - bis zur Mitte, dem Zentrum und wieder zurück.
Nehmen Sie wahr, ob und was sich beim Gehen des Weges für Sie verändert.
Wenn Ihnen ein Wort oder ein Satz in den Sinn kommt, so schreiben Sie dies auf.
Wenn Sie diesen Labyrinth-Weg früher oder jetzt erfahren haben, so haben wir nun eine gemeinsame Basis: und Sie wissen, wovon ich spreche:
Folie 1: Ur-Labyrinth
Dem Labyrinth- und hier sehen Sie die Ur-Form, die im laufe der Jahrhunderte verändert wurde - liegen folgende Kriterien des Formprinzips zugrunde:
* Es gibt eine äußere
Begrenzungslinie, die nur eine Öffnung besitzt.
* Die Figur kann (gedanklich oder körperlich) zwischen den Linien abgeschritten
werden.
* Der Weg ist kreuzungsfrei, d.h. er bietet keine Wahlmöglichkeit und wechselt immer wieder pendelnd die Richtung. Der Weg führt wiederholt sehr nah am Zentrum vorbei und mündet schließlich ausweglos und sackgassenartig in ein Zentrum.
* Ein Weg, der als Umweg vom Eingang zum Zentrum führt, füllt den Innenraum aus.
* Der Mittelpunkt des Labyrinths ist nicht das geometrische Zentrum
* Das Zentrum ist ein leerer Raum.
* Innen angekommen kann der Weg nur durch eine Wendung, einen Bogen von 180°, fortgesetzt werden.
* Denselben Weg zurückgehend wird dieser nun aus anderer Perspektive erfahren.
* Wird die Struktur begangen, ergibt sich ein Rhythmus : 3-2-1-4-7-6-5
Folie 2: Rhythmus : 3-2-1-4-7-6-5
Die ersten sicher datierbaren Funde stammen aus der Zeit um 1200 v.u.Z. Wenngleich
es keine Aufzeichnungen aus früheren Zeiten gibt, kann davon ausgegangen
werden, dass es das Labyrinth bereits davor gab.
Ob, von wem, wann und wie das Labyrinth in prä-historischer Zeit entstand
und verwendet wurde, ist unbekannt.
Das Standardwerk zum Thema schrieb Hermann Kern mit dem Titel: Erscheinungsformen und Deutungen - 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds - Labyrinthe . Er dokumentierte die Kunst- und Kulturgeschichte des Labyrinths durch die Jahrtausende - auf die ich im Rahmen dieses Vortrags jedoch nicht näher eingehen kann.
An dieser Stelle möchte ich hinzufügen, dass es in der schriftlichen Ausführung meines Vortrags durchgehend ausführliche Fußnoten gibt, auf die ich jetzt aber verzichte.
Folie 3: Blumen-Labyrinth
Ehe ich auf meinen Titel zu sprechen
komme, gehe ich auf den Begriff des Tagungsthemas, auf die Magie, ein.
Mit Magie kann alles und jedes zu tun haben und so hat auch das Labyrinth magische
Bezugspunkte, so, wenn es zum Beispiel in Indien an Türpfosten angebracht
wurde, um böse Geister, die nur geradlinige Wege nehmen können, abzuhalten
oder schwangere Frauen Safran labyrinthförmig auf ein Tablett streuten,
dann das Pulver - am besten in Ganges- Wasser schütteten und dieses Gemisch
tranken, um den Geburtsvorgang zu erleichtern.
Die Phase des magischen Denkens durchleben alle Menschen in ihrer Kindheit. Magie begleitet uns durchs Leben - egal ob wir sie wahrnehmen, uns dafür oder dagegen entscheiden, ob sie staatlicherseits anerkannt wird oder nicht. Sie ist ein Bestandteil des Lebens.
Das Wort Magie entwickelt sich im 16. Jh. aus dem lat. magia (griech mageia) Geheime Kunst, die sich übersinnliche Kräfte dienstbar zu machen sucht. Wie aber kann das Wort heute verstanden und neu interpretiert werden?
Rupert Sheldrake versucht in seinem
2003 erschienen Buch: Der siebte Sinn des Menschen wissenschaftliche Nachweise
zu bringen, dass Menschen aufgrund ihrer Biologie mit mehr als den fünf
Sinnen ausgestattet sind. Der sechste Sinn ist seiner Meinung nach der elektro-magnetische
Sinn (bei Tieren nachgewiesen). Und wir Menschen erzeugen durch unsere geistige
Aufmerksamkeit Wahrnehmungsfelder. Denn der Geist reicht bis in die Welt um
uns herum und verbindet uns mit allem. Es gibt keinen Beweis, dass unser Geist
nur unser Gehirn ist.
Gedanken und Gefühle setzen Energie frei. Mit magischem Denken und Handeln
kann einerseits Heilung geschehen - Schamanismus ist von der WHO als Heilmethode
anerkannt - mit Magie wird aber auch versucht, die Welt in den Griff zu bekommen
- durch Kontrolle, Sicherheit zu gewinnen. Das Leben unter Kontrolle haben,
ist ein gesellschaftlich positiv konnotierter Wunsch. Dafür werden der
Verstand, die Technik, die Wissenschaft benutzt - aber ist das nicht Magie,
nur mit einem neuen Mantel gut getarnt?
Macht und Kontrolle über das
Leben, das ein Veränderungsprozess ist, haben zu wollen, bedeutet das Lebendige
an sich zu töten. Für das Leben kann der Fluss als Metapher genommen
werden: Bei Hochwasser kann es zu Überschwemmungen kommen. Wenn ein unter
Kontrolle gebrachter Flusslauf aber aus seinem Flussbett bricht, dann bewirkt
das mehr verwüstende Überschwemmungen als jene frei fließender
Gewässer. Das mussten Wissenschafter in den vergangenen Jahren der großen
Überschwemmungen zugeben. Kontrolle und Machtausübung täuschen
Sicherheit vor. Das Ego ist hier die treibende Kraft.
Angst ist mit dem Ego aufs Engste verbunden. Das Ego kann Sicherheit nur vortäuschen,
nicht aber wirklich geben.
Begebe ich mich in das Labyrinth hinein, so wie Sie es auf dem Blatt Papier getan haben, so versuche ich vielleicht, um Angstgefühle zu vermeiden, mir mit den Augen einen Überblick zu verschaffen, damit absehbar ist, worauf ich mich einlasse. Oder lasse ich mich auf gar nichts ein und gehe ich erst gar nicht hinein? Oder lockt und führt mich meine Neugierde Strichstück für Strichstück mutig in Unbekanntes?
Auch eine Vorstellung, wie etwas zu sein hat, nimmt dem Lebensfluss die Lebendigkeit (und stärkt das Ego). Zu den Vorstellungen kommen noch unsere Glaubenssätze hinzu, die wir aufgrund unserer Erfahrungen internalisiert haben - wobei viele unbewusst wirken aber viele uns auch bewusst sind - ja, für die wir uns entschieden haben.
Die Glaubenssätze der Huna (UreinwohnerInnen Hawai's) lauten:
Folie 4: Text
IKE
Die Welt ist, wofür ich sie halte.
KALA
Es gibt keine Grenzen.
MAKIA
Energie folgt der Aufmerksamkeit.
MANAWA
Jetzt ist der Augenblick der Macht.
ALOHA
Lieben heißt, glücklich sein mit ...
MANA
Alle Macht kommt von innen.
PONO
Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit.
Ich segne die Gegenwart! Ich vertraue auf mich selbst und erwarte das Beste!
Sie können nun gerne Ihre Glaubenssätze und deren Wirkkraft bzw. Auswirkungen mit diesen vergleichen.
Wie wirkt dieser oder jener Gedanke? Das kann jede/r an sich sofort erforschen. Der Hausputz des Geistes - was gehört entsorgt bzw. gereinigt? - kann beginnen!
bewusst Sein entwickeln - im Labyrinth
Jede Aussage über "Bewusstsein"
ist solange wertlos, wie "Bewusstsein" nicht definiert ist. Eine einheitliche,
allgemeingültige wissenschaftliche Definition gibt es bis heute nicht.
In den Naturwissenschaften sind alle Begriffe objektiv und reproduzierbar zu
quantifizieren. Der Begriff "Bewusstsein" hat einen ausschließlich
subjektiven Charakter, da er allein nur von dem "Beobachter" / der
"Beobachterin" wahrgenommen und als existent bestätigt werden
kann.
Zwar hat die Quantentheorie die Ausschließbarkeit des Beobachters/der
Beobachterin in der Physik erschüttert. Daraus hat sich aber noch lange
keine Umkehr in der Forderung ergeben, auf die "Objektivierbarkeit"
in der Wissenschaft ganz oder auch nur teilweise zu verzichten.
Als Aspekte des Bewusstsein können
nationales, politisches, globales, Gesundheits- oder emotionales Bewusstsein
genannt werden.
Ich definiere Bewusstsein mit das Wissen um das Sein.
Als das Ziel der Bewusstseinsentwicklung wird in vielen Religionen ein Bewusstseinszustand mit Erleuchtung bezeichnet. Damit wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Licht und Bewusstsein.
Folie 5: Feuer-Labyrinth
Was wir sehen/erleben, dem können wir aufgeschlossen begegnen, es aufmerksam und unvoreingenommen betrachten und wenn wir bereit sind, tiefverwurzelte Seh-(Denk-) Gewohnheiten über Bord zu werfen, werden wir Neues entdecken.
nicht
die Liebe
nehme ich
auf mich
die Liebe
sie lebt
in meinem Herzen
nicht
das Leben
nehme ich
auf mich
das Leben
lebt mich
und ich lebe es
Abwerfen
wie Bäume die Blätter
die sieben Häute der Illusion
das
nehme ich
auf mich
Licht ist weniger etwas, das offenbart, als vielmehr selbst die Offenbarung.
Es kommt darauf an, sich an das Licht zu halten, nicht an die Gegenstände,
die es erhellt. Licht ist scheinbar unbegreifbar und doch körperlich spürbar.
James Turrell
Wenn wir das Licht erforschen, erforschen wir uns selbst. Wenn wir das Labyrinth erforschen, erforschen wir uns selbst - und erhalten vielleicht ein neues Verständnis (des Geistes/des Menschseins/des Lebens). Bisher sind nur 5% der Materie einer direkten Beobachtung durch Licht zugänglich. Der Geist ist großteils unbewusst.
Der Weg des lebendigen Denkens, des Denkens, das dem Leben adäquat ist, ist kein geradliniger Weg -
Folie 6: Ariadnefaden (Struktur)
es ist offen, was nach der nächsten Wendung kommt ... Das Bewusstsein - jede/r ist Teil von mir und ich bin Teil von ihm/ihr und der Schöpfungsenergie - verändert die Seins-Qualität radikal.
Selbstbewusstsein kann als das Wissen
und die Erfahrung um das Licht, die Schöpfungskraft bzw. die Liebe in mir
definiert werden.
Es ist eine Entscheidung, die Sie treffen, wenn Sie sagen: Mein Lebensweg ist
ein irrgartenartiger bzw. mein Lebensweg ist ein spiraliger oder ein ganz anderer
oder eben ein labyrinthischer. Und jede Entscheidung hat ihre Konsequenz.
Ich erinnere mich gerne an jene Seminarteilnehmerin, die, nachdem sie sowohl
den Irrgarten als auch das Labyrinth auf einem Blatt Papier erfahren hatte,
sagte: Mein Leben ist wie ein Irrgarten. Aber eigentlich wünschte ich mir,
mein Leben sei ein Labyrinth! Ich will es bis heute Abend wissen, was mein Leben
ist! - Und am Ende des Kurses sagte sie: Ich habe mich entschieden: Ich gehe
die nächsten drei Monate davon aus, dass mein Leben ein Labyrinth ist!
Folie 7: Ariadnefaden (Roter Faden)
Jorge Luis Borges war sich dessen
auch bewusst und formulierte es so:
Wenn wir wüssten, dass die Welt ein Labyrinth ist, dann wüssten wir,
dass es ein Zentrum gibt. Egal ob dort etwas Schreckliches wie der Minotaurus
oder etwas Göttliches wohnt. Aber es gäbe ein Zentrum. Wenn wir hingegen
annehmen, dass die Welt Chaos sei, dann wären wir wirklich verloren.
Wir Menschen denken in Bildern und Geschichten und geben diesen zu ihrer Information unsere Bedeutung in dem Wissen, wir können uns immer nur einer Wirklichkeit annähern. Unser Verständnis der Welt ist wandelbar .....
Folie 8: Irrgarten
Die westliche Kultur- und Entwicklungsgeschichte
führt aus dem Paradies der Einheit in die Welt der Dualität , in den
Irrgarten : mit Entscheidungsanforderungen und Sackgassen. Der Irrgarten ist
somit das Symbol für Verführung par Excellence und des (Ver)Zweifel(n)s.
Der Irrgarten konfrontiert uns offenkundig mit den Fragen: rechts oder links?
Die Aufmerksamkeit ist ins Außen gerichtet. Was ist richtig? Was ist falsch?
Welche innere Haltung nehme ich gegenüber Fehlermachen ein? Wie beurteile
bzw. verurteile ich? Was ist die Grundlage für meine Entscheidung? Gibt
es ein Zentrum? Wie komme ich ins Zentrum? Was, wenn ich mich verirre, verliere?
Etc. Die Frage: Wie soll ich leben? stellt sich nur in Bezug auf übergeordnete
innere oder äußere Autoritäten ...Antworten sind Konstruktionen
Die Labyrinth-Struktur wird von vielen mit dem Gehirn assoziiert, mit der Gebärmutter
und auch mit dem Lebensweg.
Folie 9a: Schnee-Labyrinth
Das Labyrinth führt mich. Es
gibt kein richtig und falsch. Ich kann die Aufmerksamkeit nach Innen richten.
Suchen erübrigt sich. Das Labyrinth ist eine klare, eindeutige und determiniert
Struktur, die durch seine Grenzen einen (Um-)Weg vorgibt. Ich brauchen keine
Entscheidungen treffen, nach rechts oder links zu gehen - denn es gibt nur den
einen und einzigen Weg. Mir bleibt es überlassen, ob ich stehen bleibe,
umdrehe oder weitergehe, wie schnell und vor allem wie ich den Weg durchschreite,
gehen, wandle.
Beim Gehen kann ich auch meine Befindlichkeit wahrnehmen. "Größere
Bewusstheit entsteht durch Gewahrwerden von Verhaltensqualitäten",
meinte Heinrich Jacoby. Im Labyrinth gibt es kein Vormachen, kein Korrigieren
- jede/r ist selbständig bzw. /"selbgängig".
Folie 9b: Schnee-Labyrinth
Wenn ich mich ins Labyrinth begebe, bewege ich mich und etwas in mir kommt ebenso in Bewegung und es stellen sich mir unter Umständen Hindernisse in den Weg: vordergründig sind es vielleicht die Wendungen und/oder auch das eigene Konfliktmaterial (Unbewusstes, Abgewertetes, Übertragenes, Delegiertes,..), das sich zeigt.
Gefühle, Erinnerungen können in mein Bewusstsein steigen, ich kann in Kontakt mit Verdrängtem bzw. Unbewusstem kommen und damit ist Veränderung möglich. Angst schneidet von Gefühlen und Empfindungen ab - damit sie nicht wahrgenommen, gespürt werden müssen - damit Leiden nicht gelitten werden muss.Nicht ins Labyrinth zu gehen, bedeutet, im Moment nicht bereit sein, in Bewegung zu kommen, sich auf Neues einzulassen, eventuell der Angst zu begegnen.
Der Weg ist nicht geradlinig. Er macht vorbestimmte und doch unvorhergesehene Wendungen. Er führt mich nahe ans Zentrum und dann wieder weg. Das erfordert vielleicht Geduld, konfrontiert mit Ungeduld, Unsicherheit, Ausdauer, Vertrauen, Flexibilität, Loslassen, Selbstvertrauen, in Balance sein , Zweifel,...
Ich erinnere mich an eine Frau, die
kurz vor dem Zentrum stehen blieb, weil sie sich im Zentrum wähnte, drehte
sich dann um und ging zurück. Woran ist das Zentrum zu spüren, zu
erkennen? Warum vermied sie es?
Die Struktur des Labyrinths birgt in sich die Themen Grenze / Grenzüberschreitung
sowie Anpassung /Eigenwilligkeit. Wer hat das Bedürfnis quer über
alle Grenzen zu gehen- und tut es auch? Woher kommt der Impuls dazu? Welcher
Impuls hält zurück?
Welche Erwartungen, Vorstellungen habe ich? Weil ich die Vorstellung habe, ein
Labyrinth ist ein Irrgarten, verirre ich mich....
Im Labyrinth spiegle ich mich. Das Labyrinth ist ein Spiegel des Moments.
Folie 10: Wasser-Spiegel-Labyrinth
Im Spiegel sehe ich nicht nur alles 1:1 (wenn auch seitenverkehrt) - hinzu kommt: ich weiß einerseits, was mich erwartet, wenn ich mich im Spiegel anschaue, andererseits weiß ich nicht, auf welches Detail mein Blick fallen wird (selbst wenn ich es plane) - weiß nicht, was mir dadurch bewusst werden wird bzw. bewusst wird - wohin meine Aufmerksamkeit und damit meine Energie geht
Alles, was mir begegnet, ist mir ein Spiegel, zeigt, was auch in mir ist. Sobald ein Gegenüber in mir heftige Gefühle (der Abwehr oder auch der Zuneigung, der Aggression, der Unterwürfigkeit oder des Rückzugs,...) auslöst, stellt sich mir ein Thema, das ich bearbeiten, ins Bewusstsein bringen kann, um einen Schmerz zu erlösen, der noch unerlöst in mir schlummert oder vergraben ist.
Frau Dr. Hannelore Eibach , eine
Pionierin der therapeutischen Arbeit mit dem Labyrinth, sieht die Qualität
des Labyrinths darin, dass es die KlientInnen zu sich bringt, in deren inneren
Welten.
Und: das Labyrinth führt die KlientInnen auch zu den Ängsten und Hoffnungen,
die sie auf dem Labyrinth- bzw. Lebensweg begleiten.
Monica Monico hat die gleichen Erfahrungen
gemacht und formuliert es so:
"Was nach dem Eintreten folgt, im Labyrinth wie in der Therapie, gehorcht
dem Prinzip Umweg. Es geht darum, im Innenraum suchend umzugehen, etwas Verlorenes
zu finden, etwas Verborgenes zu erkennen, etwas Unbewusstes bewusst zu machen.
.... Vielfältig sind die Beweggründe, den Innenraum abzuschreiten,
nicht um mit dem Minotaurus konfrontiert zu werden, sondern wie es sich im Laufe
der Therapie herausstellt, um sich selbst zu begegnen."
Die Therapeutin Rose Strunk hat das Labyrinth in ihre gruppenpsychotherapeutische Arbeit einbezogen. Nach ihrer Erfahrung ist die Tatsache, im Labyrinth keine Wahlmöglichkeit des Weges zu haben und sich doch gleichzeitig auf einen unbekannten Weg einzulassen, für viele PatientInnen entlastend. Besonders deutlich erleben dies diejenigen, die unter starker Ambivalenz im Fühlen und Handeln leiden.
Folie 11: Eckige Labyrinth-Struktur
Jede der sieben Wendungen des Labyrinths sind bzw. können Metaphern sein für Prozesse auf dem Weg zum Erwachen, den integrierten Ebenen des Inneren, Äußeren und Spirituellen.
Ich weiß nicht im Voraus, was
kommen wird.
Das Labyrinth führt, leitet zur Mitte - doch das weiß ich nur, wenn
ich es bereits einmal begangen habe. Über den langen Umweg komme ich ins
Zentrum. Wenn Innen das Außen spiegelt und umgekehrt, dann bin ich im
Labyrinthzentrum in meinem inneren Zentrum - das in Frieden und Liebe schwingt.
Ich erlange auf dem Weg ins Zentrum vielleicht Einsichten . Das heilende Element
kann dabei sein, Lebens-Weg-Erfahrung zu machen, das Zentrum zu erreichen, den
Weg zu verstehen und anzunehmen.
Das Labyrinth ist ein Erfahrungsraum für - um in der Dualität zu bleiben
- alltägliche und auch nicht alltägliche Erfahrungen.
Das Zentrum des Labyrinths und das Zentrum des Lebens ist das Sein. Gegenpole wie Raum und Zeit lösen sich hier auf; Verbundenheit mit allen und allem ist. Die Menschheitsfragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich? ... können sich selbst erfahrend beantworten.
Die Kunst zu wandeln liegt für mich darin, zu wandeln, sich auch wandeln zu lassen und die gleichzeitig stattfindende innere Wandlung bewusst wahrzunehmen. Die Wandlung von Leben und Tod und Leben und Tod und Leben .. Wandlung ist Leben und: Leben ist die Kunst zu wandeln
Labyrinthbegehungen können nicht
nur alleine sondern auch mit anderen gemeinsam gemacht werden.
Die Themen und Dynamik sind dann andere.
Wenn ich das Labyrinth mit anderen Menschen begehe, dann wird mir bewusst: wir bewegen uns alle auf der gleichen Ebene, wir gehen alle den selben Weg, wenn auch auf unsere eigene Art und Weise. Damit ist das Labyrinth antihierarchisch: Es gibt kein höher, schneller, besser, stärker,... diese Bedeutungen sowie Raum und Zeit verlieren im Labyrinth ihre Alltagsbedeutung. Es gibt keine VerliererInnen oder GewinnerInnen.
Ich begegne Menschen - manche gehen parallel zu mir, manche in die entgegengesetzte Richtung. Mit manchen nehme ich Kontakt auf, manche Strecken bleibe ich für mich. Ich kann erkennen: Ich bin Teil des Ganzen und alle sind wir gleichwertig, jede/r kommt an die sieben Wendungen, ins Zentrum und wieder hinaus. Ich bin Ich, löse mich nicht auf in der Masse und bin gleichzeitig ein Teil des sozialen Miteinanders, ein/e AkteurIn im sozialen Gefüge.
Das Streben nach einer einzigen Wirklichkeit, nach Gewissheit, ist typisch nicht
nur für das vergangene Jahrhundert sondern gleichsam für die patriarchale
Weltsicht, die eine lineare ist und das abstrakt-logische Denken entwickelte.
Wirklichkeit ist ein Denkmuster, das Phänomene miteinander verbindet. In diesem Sinne ist das Labyrinth auch eine gesellschaftspolitisch relevante Struktur. Und das nicht nur theoretisch: Es entstand in Zürich vor 13 Jahren ein Labyrinth, das noch heute autonomer öffentlicher Raum für Frauen ist und von dem viele Impulse ausgingen und ausgehen.
Folie 13: Labyrinth in Zürich
Aus Zeitgründen überlasse ich es Ihnen dem nachzugehen, was ein labyrinthischer
Denk- und Handlungsraum sein kann.
Zum Wissen vom Sein gehören für mich noch die Bereiche Intuition und Spiritualität.
Intuition bedeutet nach der Definition im Duden : das Vermögen, Wissen
zu erlangen, das weder aus Schlussfolgerungen oder Beobachtungen, noch durch
Vernunft oder Erfahrung gewonnen werden kann. Die Intuition ist demnach als
eine eigenständige, unabhängige Wissensquelle angesehen, da sie genau
diese Art des Wissens vermittelt, die durch andere Quellen nicht zu erhalten
ist
Diese Qualität entwickelt sich im Labyrinth und kann besonders gut im Irrgarten
(dem Alltag?) überprüft werden.
Zur Verbindung der Gegenpole Irrgarten und Labyrinth kann ich hier nur damit andeuten.... und den labyrinthischen Quantensprung nur erwähnen.
Für mich ist der Erfahrungsraum Labyrinth in der therapeutischen Arbeit eine Möglichkeit , den Lebensthemen und damit sich selbst und dem Selbst, das mit der Schöpferkraft verbunden ist, im wahrsten Sinn des Wortes, mit allen Sinnen im individuellen persönlichen Rhythmus, Tempo und der augenblicklich stimmigen Vertiefung eigenverantwortlich, selbstbestimmt und selbständig zu begegnen.
Meines Wissens wird das Labyrinth noch sehr selten in die Therapie integriert .
Vielleicht habe ich Sie ja neugierig gemacht, sich auf das Labyrinth einzulassen und es für sich bzw. mit Ihren KlientInnen weiter auszuloten?
Sie haben heute eine Labyrinth-Erfahrung
gemacht - auf einem Blatt Papier.
Wenn Sie ein Labyrinth begehen wollen, so können Sie dies auf der Wiese
links vom Ausgang tun. Das Labyrinth wurde gestern vom Bad Wildunger Agenda
Arbeitskreis angelegt. Diese Gruppe engagiert sich, dass innerhalb der Gartenschau
2006 ein permanentes Labyrinth angelegt wird und freut sich über Unterstützungen
und KooperationspartnerInnen (Klinik, ....), damit das Projekt realisiert werden
kann.
Folie 14: Lichterlaby mit Schale
"Wir sind etwas, das wechselt und Etwas, das dauert. Wir sind etwas, das
im Wesentlichen rätselhaft ist. .....
Wenn die Zeit ein Abbild des Ewigen ist, so wird die Zukunft zur Bewegung der
Seele in Richtung auf das Zukünftige. Das Zukünftige seinerseits wäre
Rückkehr zum Ewigen."
L. Borges
Wir werden nicht aufhören zu erkunden,
Und das Ende all unserer Erkundungen
Wird die Ankunft an der Stelle sein,
Wo wir begannen,
Und wir werden sie zum erstenmal erkennen.
T. S. Eliot
Und meine Erfahrung ist: Wenn wir nicht nur im äußeren Zentrum sondern
auch in unserem inneren Universums-Zentrum angekommen sind, dann sind wir spätestens
dann am Ende des Weges mit der universellen Schöpferkraft verbunden. Der
labyrinthische Weg ist der Weg (zurück) zum Liebesursprung.
Danke für Ihre mitwandelnde Begleitung durch diesen Vortrag!
(Fußnoten scheinen nur im Original aber nicht hier auf)
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